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In der Regel verlangen Masterstudiengänge mit Polenbezug hohe sprachliche Qualifikationen. Nicht selten wird von den Studierenden verlangt, dass sie Polnisch oder eine andere slawische Sprache mindestens auf einem B2, teilweise sogar auf einem C1-Niveau beherrschen. Ich fing erst im Laufe meines Bachelorstudiums an, mich für unseren östlichen Nachbarn zu interessieren und konnte daher jene Anforderungen nicht erfüllen. Nach einem Erasmusaufenthalt in Krakau von 2013 bis 2014 ließ mich das Land nicht mehr los. Ich wollte einen Masterstudiengang belegen, der einerseits polenspezifische Kenntnisse vermittelt, andererseits aber auch eine gewisse Toleranz gegenüber jenen Interessenten an den Tag legt, deren Polnisch gerade mal zum Bestellen von zwei Bier in der Kneipe reicht: (Proszę dwa piwa). Die Interdisziplinären Polenstudien in Halle und in Jena sind ein solch "einsteigerfreundlicher" Studiengang.

Der Studiengang gliedert sich in drei Bereiche. Man wählt ein Kernfach und besucht darüber hinaus Sprachkurse und interdisziplinäre Wahlmodule aus anderen Kernbereichen. In Jena werden polenbezogene Module hauptsächlich von der Geschichte, Slawistik und der Politikwissenschaft angeboten. In Halle, so war zumindest mein Eindruck, konzentrieren sich die länderspezifischen Fächerangebote eher auf die Soziologie, Slawistik und Geschichte. Darüber hinaus müssen Studierende ein Auslandssemester und ein Praktikum absolvieren. Der Studiengang ist recht klein, was mehrere Vorteile mit sich bringt. Die DozentInnen haben immer ein offenes Ohr für Fragen und Wünsche. Bei Problemen wird den Studierenden sehr schnell geholfen.

Das polenbezogene Fächerangebot in Jena ist hervorragend. Im vergangenen Semester wurde von der Politikwissenschaft beispielsweise ein Kurs über Parteien und Wahlen an der Weichsel angeboten. Die Geschichtswissenschaft wartete mit Seminaren über die Transformation Polens nach 1989 auf. Über das Aleksander-Brückner-Zentrum werden außerdem immer wieder polnische Filmabende (Zitat eines Dozenten: "Wir haben den Oscar-prämierten Film 'Ida' gezeigt, bevor er cool war") und Exkursionen nach Polen veranstaltet. Einziger Kritikpunkt meinerseits wäre, dass die Sprachkurse im Lehrplan nur einen Umfang von insgesamt 10 Leistungspunkten einnehmen.

Für Jena entschied ich mich, weil ich in Halle bereits mein Bachelorstudium im Fach Politikwissenschaft absolviert hatte und nach drei sehr schönen Jahren in Händels Geburtsstadt das Gefühl hatte, dass die Zeit reif war für einen Tapetenwechsel.

Jena hat, wie Thüringen insgesamt, einiges zu bieten. Die Wälder und Berge rund um die Stadt laden gerade im Sommer zu Tageswanderungen ein. Dank des Studententickets ist auch ein Ausflug ins wunderschöne Weimar oder in die Landeshauptstadt Erfurt kein Problem. Obwohl Jena mit 100.000 Einwohnern recht klein ist, gibt es eine breit gefächerte Gastronomie mit zahlreichen Bars und Restaurants. Auch der Nahverkehr ist gut ausgebaut. Was Studierende, die von weiter weg herziehen, bedenken sollten ist, dass über Jena kein ICE mehr fährt.

Christopher Fuß