Abgeschlossene Projekte unserer MitarbeiterInnen und Mitglieder


"Bombenlegerinnen, Mörderinnen und Rebellinnen" - Das romantische Phantasma vom Körper der Frau und seine Transgressionen in der polnischen Gegenwartsliteratur

Promotionsprojekt, gefördert durch die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit

Iris Bauer

Abgeschlossen im Dezember 2022

Das Promotionsprojekt mit dem Arbeitstitel "Bombenlegerinnen, Mörderinnen und Rebellinnen" - Das romantische Phantasma vom Körper der Frau und seine Transgressionen in der polnischen Gegenwartsliteratur liest zeitgenössische literarische Texte als Dekonstruktionen der in der für die polnische Kultur identitätsstiftenden Literatur der Romantik geschaffenen Weiblichkeitsimaginationen. Es wird dargestellt, inwiefern die Figurationen der weiblichen Körper in den bisher ausgewählten Texten, wie Sylwia Chutniks Debutroman Kieszonkowy Atlas Kobiet (2008), Dominika Dymińskas Lyrikband Danke (2016) sowie Jacek Dehnels Matka Makryna (2014) mit den von den polnischen Nationaldichtern tradierten Narrativen von 'der polnischen Frau' brechen. Denn trotz nicht nur in der Literatur bereits vor 1989 vollzogener Dekonstruktionen des Werte- und Zeichensystems der polnischen Romantik, wie z.B. bei Witold Gombrowicz, der sich in seinen Texten mitunter der romantisch-patriotischen Aufladung des Künstlers widersetzt, sowie einzelner Auseinandersetzungen mit weiblichen Körpern und ihrer romantischen Inanspruchnahme - zum Beispiel bei Tadeusz Boy-Żeleński oder Zofia Nałkowska -, kann erst nach 1989 vom Anfang einer bewusst auf die romantischen Phantasmen forcierten kritischen Analyse gesprochen werden. Geht es in der Literatur der Anfang der 1990er debütierenden Autorinnen wie Manuela Gretkowska oder Izabela Filipiak in erster Linie um die Ausdifferenzierung kultureller Weiblichkeitsimaginationen und um eine Demystifizierung der von der Romantik idealisierten Mutterschaft, so stellen erst die Texte der jüngsten Gegenwartsliteratur gezielte Transgressionen des romantischen Phantasmas vom Körper 'der polnischen Frau' dar. Das Promotionsprojekt geht der These nach, dass erst diese jüngsten literarischen Beispiele in ihrer Reflektion des romantischen Paradigmas Geschlechtergrenzen verwischen und Rollen vom biologischen Geschlecht befreit in neuer Besetzung im kulturellen Imaginären verankern, wodurch Frauenfiguren entgegen ihrer romantischen, mystifizierten Aufladung und ihrer stark eingegrenzten Subjekthaftigkeit schließlich auch zu "Mörderinnen, Bombenlegerinnen und Rebellinnen" (Vgl. Chutnik, 2008, 100) werden können. Indem das romantische Phantasma vom 'Körper der Frau' als literarisches Phänomen mit historischen, gesellschaftlichen und sozialen Kontexten, Fragen nach Wissenstransfer und Machtstrukturen verknüpft wird, können Rückschlüsse darauf gezogen werden, wie sich die polnische Gesellschaft in ihren unterschiedlichen Räumen, in der Romantik und heute (nach 1989 und jetzt) konfiguriert bzw. (literarische) Identitäten, mit dem Fokus auf das Spannungsfeld zwischen Gender und Nation konstruiert werden.


Akteure der systemübergreifenden Kooperation im Kalten Krieg. Die Aufarbeitung von NS-Verbrechen in Polen und der BRD (1958–1970)

Paulina Gulińska-Jurgiel

Abgeschlossen im Dezember 2022

Das Projekt erforscht die Kooperation zwischen polnischen und bundesrepublikanischen Juristen im Bereich der justiziellen Ahndung von NS-Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Analyse konzentriert sich auf die Jahre 1958-1970, also einen Zeitraum, in dem keine diplomatischen Beziehungen zwischen der BRD und der VR Polen bestanden. Im Fokus der Forschungsinteressen liegt das Interagieren in dieser rechtlichen Grauzone, das aus dem gemeinsamen Interesse an der Ahndung von NS-Verbrechen resultierte. Das empirische Feld ist die Zusammenarbeit zwischen der Hauptkommission zur Erforschung der Deutschen/Hitleristischen Verbrechen (Główna Komisja Badania Zbrodni Niemieckich/Hitlerowskich w Polsce) in Warschau und der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Beziehungen zwischen den beiden Institutionen, zwischen einzelnen Akteuren und deren unterschiedliche rechtskulturelle Praktiken.

Den Kern der Untersuchung bilden die konkreten Kooperationsformen: schriftliche Kommunikation in Form von Korrespondenzen ebenso wie wechselseitige Besuche und Dienstreisen. Die Aufmerksamkeit richtet sich insbesondere auf die variierenden Rollen der involvierten Juristen, Experten und Laien, darüber hinaus darauf, wie sie das eigene und das fremde Rechtsverständnis reflektierten und daraus Schlussfolgerungen zogen. Deshalb analysiere ich gezielt sprachliche, argumentative und nonverbale Aspekte der bilateralen Kontakte, etwa Übersetzung, Sprachduktus, Konsensfindung und Schweigen. Auf diese Art und Weise werden rechtskulturelle Praktiken in ihrer Dynamik betrachtet und eine neue Narration der justiziellen Aufarbeitung von NS-Verbrechen geschaffen, in der die Handlungsfreiräume der Akteure und Eigendynamiken der justiziellen Kooperation im ideologischen Umfeld des Kalten Krieges in den Vordergrund rücken.


Vertreter einer ethnischen Minderheit oder engagierte Bürger? Juden in den Stadtparlamenten der Zweiten Polnischen Republik (Krakau, Posen und Warschau).

Forschungsprojekt, gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung.

Hanna Kozińska-Witt

Abgeschlossen im April 2021

Das Forschungsprojekt untersucht das Wirken jüdischer Stadtverordneter in den Stadtparlamenten dreier Großstädte in der Zweiten Polnischen Republik (1918-1939). Ausgehend von der Beobachtung, dass sich jüdische Politiker in der Zwischenkriegszeit rege an der territorialen Selbstverwaltung beteiligten, wird nach Voraussetzungen, Motivationen, Modi und Grenzen dieser Beteiligung gefragt.

Zunächst soll der rechtliche Rahmen dieser Partizipation geklärt werden. Eine große Rolle wird dabei den rechtlichen und gewohnheitsrechtlichen Regelungen aus der Zeit der Teilungen beigemessen, die in der Zweiten Polnischen Republik nachwirkten und sich in den einzelnen Kommunen unterschiedlich darstellten. Weiterhin soll untersucht werden, wie sich die Sozialstruktur und politische Orientierung der jüdischen Stadtverordneten sowie ihre Arbeitsschwerpunkte unter dem Vorzeichen von Demokratisierung entwickelten. Mit Blick auf die Zeit nach der Vereinheitlichung des Verwaltungsrechts im Jahre 1933 wird die Einwirkung von Interventionismus und Wirtschaftsnationalismus auf kommunaler Ebene analysiert und deren Folgen für die Arbeit der jüdischen Vertreter herausgearbeitet.


Architektur und Herrschaft. Staatskonzeption und militärische Präsenz in der habsburgischen Provinz Galizien-Lodomerien, 1849-1859.

Promotionsprojekt, MLU Halle

Frank Rochow, M.A.

Abgeschlossen im Dezember 2022

Die Revolution 1848/49 stellte für die Habsburgermonarchie eine existentielle Bedrohung dar. Nur mit Hilfe des Militärs konnten die verschiedenen Territorien in dem politischen Verband unter der Krone des Hauses Habsburg gehalten werden. Als Reaktion  wurde unter dem jungen Kaiser Franz Joseph I. ab 1848 der kurz zuvor eingeschlagene Modernisierungskurs, der aus diesem „zusammengesetzten Staat“ einen modernen Staat nach westeuropäischem Vorbild entstehen lassen sollte, unter anderen Vorzeichen fortgeschrieben. Innerhalb dieses forcierten Staatsbildungsprozesses fungierte das Militär als Klammer, die einzig den Zusammenhalt und die territoriale Integrität der Monarchie garantieren konnte. Materieller Ausdruck dieser Funktion war die Umsetzung eines ambitionierten Projektes zur Schaffung eines monarchieweiten Befestigungssystems.

Durch eine genaue Untersuchung der Realisierung der Teilprojekte in Krakau (heute: Kraków, Polen) und Lemberg (heute: L’viv, Ukraine) wird die Rolle des Militär vis-à-vis anderen sowohl staatlichen als auch nicht-staatlichen Akteuren herausgearbeitet. Durch die Analyse sowohl interner Verwaltungs- als auch externer Aushandhandlungsprozesse, die alle Phasen der Bauplanung und –umsetzung umfasst, werden allgemeine Herrschaftsmechanismen ebenso deutlich herausgearbeitet wie die Grenzen des „neoabsolutistischen“ Gebarens der herrschenden Elite. Im Ergebnis entsteht somit eine facettenreiche Mikrostudie zur Verwaltungsgeschichte des Habsburgerstaates an einem kritischen Moment seiner Entwicklung, in der Ansätze der neueren Militärgeschichte, Methoden der historischen Raumforschung und des spatial turn sowie herrschaftskritische Perspektiven miteinander verbunden werden.


"Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa", 2. Förderphase: Zirkulation und Kommunikation; Teilprojekt "Raumvorstellungen - Handlungsräume: Grenzregionen Polens im 20. Jahrhundert"

BMBF-Projekt

PD Dr. Kai Struve

Abgeschlossen 2017

In der zweiten Förderphase des Verbundprojekts "Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa" behandelt das am Aleksander-Brückner-Zentrum angesiedelte Teilprojekt die Fragestellung nach der Bedeutung von Phantomgrenzen anhand von drei Vorhaben, einer Fallstudie und zwei Tagungen.

1. In Anknüpfung an die in der ersten Förderphase bearbeitete Fallstudie zur Herausbildung Oberschlesiens als Region in der Zeit des deutschen Kaiserreichs und in der Zwischenkriegszeit behandelt die Fallstudie der zweiten Förderphase Oberschlesien in der Zeit der Volksrepublik Polen und fragt danach, wie Vorstellungen über die Region und ihre Bewohner die Stellung Oberschlesiens in der Volksrepublik beeinflussten. Ein wesentlicher Zug der oberschlesischen Selbstwahrnehmung, aber auch der Sicht Oberschlesiens in aktuellen geschichts- und sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeiten besteht darin, dass es sich um eine in verschiedener Hinsicht benachteiligte Region handelte und handelt. Gerade für die Zeit der Volksrepublik ist eine solches Bild jedoch mit zahlreichen Ambivalenzen konfrontiert. So war die auf die oberschlesische Schwerindustrie gestützte regionale Parteiorganisation nicht nur ein wichtiger gesamtstaatlicher Machtfaktor, sondern dadurch, dass in kommunistischer Zeit Arbeiter und Bauern in den Mittelpunkt kollektiver Identitätsentwürfe rückten, eröffneten sich für die oberschlesischen Akteure auch neue Möglichkeiten, die Region in prominenter Weise in Narrativen polnischer Geschichte und Repräsentationen polnischer Identität zu verorten. Zur Fallstudie der 2. Förderphase wurden bisher Literatur- und Quellenstudien vorgenommen, deren Ergebnisse in Aufsätzen veröffentlicht werden sollen.

2. In einer Tagung unter dem Titel Vergangene Räume - Neue Ordnungen. Das Erbe der multinationalen Reiche und die Staatsbildung im östlichen Europa 1917-1923, die gemeinsam mit dem Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien an der Universität Frankfurt/Oder vorbereitet wurde und am 14. und 15. Oktober 2015 in Frankfurt/Oder stattfand, wurde der Frage nachgegangen, in welchem Zusammenhang bei der staatlichen Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg territoriale und gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen standen, welche nationalen, internationalen, aber auch regionalen und lokalen Akteure an den Auseinandersetzungen darüber beteiligt waren und welchen Anteil sie jeweils an den Ergebnissen hatten. Zu den diskutierten Fragen gehörte darüber hinaus, welche Bedeutung den Erfahrungen aus den Imperien zukam und welche älteren Raumordnungen in den Entwürfen neuer Ordnungen eine Rolle spielten.

3. Eine weitere Tagung mit dem Titel Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte: Die osteuropäischen Diasporen im Kalten Krieg, die gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin für den 24. und 25. November 2016 vorbereitet wird, soll das Verhältnis von Erfahrungs-, Handlungs- und imaginierten Räumen am Beispiel unterschiedlicher osteuropäischer Diasporen im Westen nach 1945 behandeln. Dafür soll nach der Bedeutung früherer Erfahrungen, aktueller politischer Konstellationen und zukünftiger Erwartungen für die Heimatterritorien als Determinanten politischen Handelns in den westlichen Staaten nach 1945 gefragt werden.


Sprachpurismus in der Slawia unter besonderer Berücksichtigung des Polnischen

Promotionsprojekt, gefördert durch die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit

Kai Witzlack-Makarevich

Abgeschlossen im April 2021

Sprachpurismus als Bestandteil der äußeren Sprachgeschichte war auch für die Entwicklung und Herausbildung der slawischen Standardsprachen von zentraler Bedeutung. Selbst wenn sich die einzelnen Slawinen hinsichtlich des Purismus in Art und Ausmaß teilweise beträchtlich voneinander unterscheiden, konnte sich keine von ihnen seinem Einfluss vollständig entziehen. Innerhalb des Promotionsvorhabens sollen ausgehend von einer umfassenden theoretischen Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand und vor dem Hintergrund des spezifischen soziolinguistischen Kontextes die verschiedenen Ausprägungen des Purismus in den slawischen Sprachen untersucht und in einen typologischen Rahmen eingeordnet werden (Objekt/Verlauf/Motive/Ausrichtung/Intensität/Akteure). Anhand dieser kontrastiven Übersicht wird deutlich, inwiefern der Purismus im Polnischen, der den Schwerpunkt der Untersuchung bildet, allgemeinen Mustern in der (West-)Slawia folgt oder nicht bzw. welche besonderen Entwicklungen festzustellen sind und warum es zu diesen kam. Anhand der Forschungsergebnisse soll das Polnische innerhalb der Slawia in sprachpuristischer Hinsicht positioniert werden.